Interview

WERKSTATTGESPRÄCH MIT ANDRÉ VON MARTENS

 

André von Martens Studio liegt, abseits von aller Hektik, in einer idyllischen Gegend. Zu seiner Schwarzkeramik sagt er: „Scherben durchgängig schwarz zu brennen ist nicht einfach!“ Wir fragen ihn in diesem Gespräch unter anderem, was es braucht, um dieses Resultat dennoch zu erzielen.

 

Evelyne Schoenmann

 

Herr von Martens, Ihre Werkstatt fasziniert mich. Sie scheinen zu jedem Ihrer Arbeitsschritte eine eigene Vorrichtung zu haben. Können Sie den Lesern etwas über Ihr Atelier erzählen?

Ich habe verschiedene Vorrichtungen gebaut, ohne die bestimmte Gefäße nicht machbar wären. Für die Bearbeitung und Trocknung meiner Gefäße sind nach und nach auch verschiedene Werkzeuge und Maschinen entstanden. Die Arbeitsgeräte, Werkzeuge und Brennmöglichkeiten haben sich immer gleichzeitig mit meinen aktuellen Wünschen und Ansprüchen an die Gefäße entwickelt. Das Funktionale ist dabei selbstverständlich. Gleichzeitig sollen die Hilfsmittel aber auch ästhetisch sein. Meine Schwarzkeramiken entstehen jedoch nicht durch diese Vorrichtungen, Werkzeuge, Arbeits- und Brennmöglichkeiten; sie entstehen intuitiv mit den Vorrichtungen bzw. Werkzeugen in einer Art Dialog.

In der keramischen Werkstatt verbringe ich viel Zeit, denn die Arbeitsumgebung ist auch mein Zuhause. Wichtig ist mir eine gewisse Ordnung und Übersichtlichkeit.

 

Wie kam es zu Ihrer Faszination Schwarzkeramik?

Unglasierte Gefäße aus der Ur- und Frühgeschichte haben mich schon als Kind und Jugendlicher fasziniert – die Schnur- und Bandkeramik, z. B. polierte und geritzte Schwarzkeramiken wie die der Etrusker oder der Pueblo Indianer, erschienen mir im Vergleich dazu feiner und geheimnisvoller. Formal gefallen mir keltische Gefäße und – im Hinblick auf ihre Schlichtheit – die der Slawen. Den porösen Schwarzkeramik-Scherben empfinde ich als wärmer im Gegensatz zum dicht gebrannten Steinzeug.

 

Was sind die Gründe, weshalb Sie den Ton sowie das Bienenwachs, in dem Sie nach dem Brand Ihre Schalen und Teller „einlegen“, selber aufbereiten?

Eine eigene Tonaufbereitung finde ich aus verschiedenen Gründen sinnvoll und nötig. Meine Arbeitsmasse besteht hauptsächlich aus einer Mischung unterschiedlicher einheimischer Tone sowie Schamotte und Glimmer. Eisenoxidhaltige Tone, die in roten, gelben und grünen Farbtönen vorkommen, sind einfacher durchgehend schwarz zu brennen. Die Färbung der Arbeitsmasse ist mir bei der Arbeit wichtig. Mit einer z. B. roten, braunen oder schwarzen Masse kann ich mir die Arbeit nicht vorstellen. Die holzähnliche Maserung der Gefäßoberflächen hängt von der Art und Menge der beigemischten Schamotte und der Maschenweite des Rüttelsiebs ab.

Die Massezusammensetzung hat Auswirkungen auf Drehbarkeit, Schwindung, Polierfähigkeit, Trockenbruchfestigkeit und Scherbenstabilität. Dass alle Eigenschaften miteinander harmonieren, ist relativ schwierig. Wie bei einem Medikament kommt es manchmal zu Nebenwirkungen.

Das Bienenwachs muss ich nicht aufbereiten. Ich erhitze es auf seine maximale Ausdehnung bei 200 °C, um den porösen Schwarzkeramik-Scherben nach dem Brand zu durchtränken. Das Wachs ist selbstreinigend, weil sämtliche Verunreinigungen am saugenden Scherben haften, der anschließend mit Tüchern gesäubert und „abgetrocknet“ wird, wobei das Gefäß nicht kälter als etwa 170 °C sein darf. Die Gefäße sind danach dicht und haben einen warmen, holzähnlichen Klang.

 

Bei unserem Gespräch haben Sie mir gesagt, dass Magie Ihnen wichtig ist …

Magie, habe ich das tatsächlich so gesagt? Mir fällt es schwer, über die Aura oder Ausstrahlung meiner Gefäße zu schreiben. Sie haben oft etwas Seelisches und das ist mir wichtig. Eine gewisse Spannung, die nicht aufdringlich ist und auch nachhaltig spürbar in ihnen verbleibt. Manchmal ist bei den Gefäßen so etwas wie eine ganz leise, feine, meditative Hoheit zu spüren. Diese Ausstrahlungen sind unterschiedlich und vor allem subjektiv empfunden.

Es gelingt mir nicht immer, diese Spannung zu erzeugen. Manchmal sind die Gefäße zu perfekt, sie wirken eitel oder sind noch nicht ausgereift. In diesen Situationen fehlte jeweils das entsprechende Gespür, der richtige Zeitpunkt oder die Freude am Tun. Es gelang mir bei ihrer Entstehung nicht, einen Einklang oder Dialog entstehen zu lassen; sie wurden nur mit dem Kopf gemacht. Für mich sind solche Gefäße wertlos.

 

Erklären Sie uns bitte Ihre Arbeitsweise und vor allem den selbstgemachten Ofen.

Die Schwarzkeramik-Brennöfen und auch meine Gefäße haben sich über viele Jahre an ihren Vorgängern gemessen und entwickelt. Der 2015 vollendete Brennofen ist eine Weiterentwicklung der Schwarzbrandtechnik von 2011, die es meines Wissens bisher nur hier gab. Bei diesem Brennverfahren werden die Gefäße in einer Art Kapsel mit Holz und Papier eingebettet und bis zu ihrer spezifisch optimalen Temperatur solange gebrannt, wie es für die Stabilität bzw. Scherbenentspannung nötig ist. Ich nenne diesen Schwarzbrand auch Graphitisierung. Die Brennrückstände gleichen zwar der Holzkohle, sind aber völlig energielos und nicht mehr entflammbar.

Jahrelang konnten mich die bekannten historischen Brennverfahren nicht zufriedenstellen. Meistens wurde der Scherben nicht schwarz oder nicht durchgängig schwarz; manchmal war er silbern. Gelang die Schwarzfärbung, so war der Scherben entweder zu zerbrechlich oder versintert – und bei den schönsten Brennergebnissen gab es oft die meisten Scherben.

Vielleicht kann ich noch etwas für mich Typisches hinzufügen: Ich bin relativ geduldig und nehme mir die nötige Zeit für meine Arbeit. Manchmal entdecke ich dabei Widersprüche und dann finde ich solange keine Ruhe, bis ich versucht habe, das, was ich neuerdings besser zu wissen glaube, umzusetzen. So entsteht immer wieder die Chance einer Entwicklung und ich finde mich dabei.

 

Die interessanten Werkzeuge, die Sie benutzen, sind die selber gefertigt?

Nur zum Teil, denn die von mir genutzten Halbedelsteine, Uhrenzahnräder und Hartmetallschneiden gab es ja schon irgendwo vorher. Sie wurden für meine Zwecke umgearbeitet bzw. gefasst. So war es auch beim Bau der beiden Töpferscheiben. Eine ist automatisch absenkbar, weil ich gern im Stehen arbeite. Die andere ist groß und leistungsstark, aber auch sensibel zu steuern. Der Scheibenkopf ist über ein Getriebe mit dem Motor verbunden. Seine Drehzahl wird durch einen Potentiometer mit dem Frequenzumrichter gesteuert. Die Maschinenteile habe ich nicht gebaut, ich bringe sie nur zusammen, um sie für meine Keramiken zu nutzen. Im Handel angebotene Werkzeuge und Maschinen genügen meinen speziellen Anforderungen selten.

 

Ihre Signatur ist u. a. ein stilisierter Vogel, welcher auf jedem Objekt eine andere Mimik hat. Hat der Vogel eine bestimmte Bedeutung?

Die Signatur mit dem Vogel hat eine Bedeutung. Es ist ein Kürzel meines Namens, verbunden mit dem Herstellungsjahr und dem Vogel. Dieser symbolisiert mich und verrät mein aktuelles Befinden in seiner Mimik.

Mir persönlich ist das Herstellungsjahr am wichtigsten, um den Entwicklungsstand der verschiedenen Massezusammensetzungen und Brennverfahren rückwirkend nachvollziehen zu können.

 

Können Sie uns etwas über zukünftige Projekte sagen?

Ich möchte immer so viel Zeit für meine Arbeiten haben, wie diese bis zu ihrer präzisen und gründlichen Vollendung benötigen.

Aktuelle Projekte finden Sie auf meiner Internetseite.

 

Das Interview ist im Magazin Neue Keramik, Ausgabe Mai/Juni 2016 erschienen. Interview als PDF herunterladen.

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